Carl Ludwig Jahn

Die Holzgewächse des Friedrichshains bei Berlin.

Geſchichtliche und ſtatiſtiſche Notizen.

füllt ſind, muß Jedermann anerkennen, wenn man hört, daß ſämmtliche Wege und Steige jetzt eine Länge von 18.300 laufende Meter, alſo etwa 18,5 km betragen, ohne einer Vermehrung der­ſelben Schranken zu ſetzen, wenn ſich deren Bedürfniß herausſtellen ſollte. (Es ſind mehrere projektirte Steige zur Zeit noch zuge­ſäet, die leicht wieder geöffnet werden können.)

Trotz dieſes Reichthums an Wegen und beſonders Steigen mangelt es doch durchaus nicht an großen Raſenplätzen, die außer den darauf glücklich vertheilten Strauch‐Bosquetts mit einzeln ſte­henden Bäumen bepflanzt und einen höchſt vortheilhaften Eindruck hervorzubringen geeignet ſind.

Ueberhaupt enthält der Hain außer unſeren einheimiſchen Wald­bäumen eine ſo reiche Auswahl der mannigfachſten Ausländer, welche unſer Klima ohne Nachtheil ertragen können, wie man ſie wohl nicht leicht in einer öffentlichen Anlage von ſo verhältniß­mäßig geringem Umfange anderweitig vorfinden dürfte.

Zur würdigen Ausſchmückung dieſes geſchichtlichen Denkmals, denn ein ſolches iſt der Friedrichshain nach Vorſtehendem, wurden keine Koſten und Bemühungen geſcheut, die erforderlichen Pflänzlinge oft aus entfernten Baumſchulen herbei zu ſchaffen. Nur dadurch wurde es möglich, daß wir hier Vertretern faſt der ganzen nördlich gemäßigten Zone, von Japan bis Kalifornien, aus Sibirien und vom Himalaya, aus Schweden und bis zu den Schweizer Alpen, Jtalien und den Pyrenäen, ſowie aus den weitgeſtreckten Länder­gebieten Nord‐Amerikas begegnen.

Bei jedem Schritte vorwärts wird der aufmerkſame Beſchauer zu einem Gedankenfluge, bald von Oſt nach Weſt, von Nord nach Süd über die Erde hin in Tauſende von Meilen entfernte Gefilde fremder Länder angeregt.

Ungeſucht treten uns bei ſolchen aufmerkſamen Betrachtungen zugleich jene gewaltigen, geiſtigen Siege lebhaft vor die Seele, welche oft erſt durch ſchwere Kämpfe, Entbehrungen und Opfer (nicht ſelten an Menſchenleben) errungen werden mußten, bei der

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Erforſchung unbekannter Länder, bis Tauſende ſich friedlich des hohen Genuſſes erfreuen konnten, zwiſchen den fern her zu uns ge­brachten und bei uns mit Sorgfalt kultivirten Gewächſe luſtwan­deln, unter deren kühlendem Schatten ausruhen, oder uns an dem ſüßen Dufte ihrer Blüthen zu laben und das Auge zu ergötzen an den wunderbar mannigfaltigen Formen und Farben der Blätter und Blüthen.

Es verdient noch beſonders bemerkt zu werden, wie durch die vortreffliche Auswahl dafür Sorge getragen iſt, daß wir von den erſten Tagen des Frühlings bis in den Spätſommer hinein blü­hende Gewächſe finden. Beſonders im Mai iſt die Luft des Hains von aromatiſch‐balſamiſchen Düften der Milliarden ſich entfaltenden Blumenkronen erfüllt.

Aus dem vorſtehend angedeuteten Geſichtspunkte betrachtet, hat der Friedrichshain eine hohe kulturgeſchichtliche Bedeutung, die an das Licht zu ſtellen hier nicht nur ſeine Berechtigung finden dürfte, ſondern in ſeiner ganzen Bedeutung hervorgehoben zu werden ver­dient.

Man könnte leicht verſucht werden, zwiſchen dem durch die ſel­tene Ausſtattung des Hains in der Pflanzenwelt uns Dargeſtellten, und zwiſchen den bewundernswürdigen, aber harten Kämpfen, welche der große Heldenkönig durchfechten mußte, damit in dem, durch die­ſelben, von ihm neubegründeten und befeſtigten Staate, unter dem Ehrfurcht gebietenden Scepter ſeiner Nachfolger Wiſſenſchaft, Kunſt und Jnduſtrie (Jntelligenz) ſich zu ſolcher Hohe der Blüthe ent­wickeln konnten, daß der ehrenvolle Ruf der Hauptſtadt (Berlin), als die Metropole derſelben, bis in die fernſten Länder der Erde hinüber klingt und bei allen gebildeten Völkern in hohem Anſehen ſteht. Ja, wir müſſen dieſen Aufſchwung geiſtigen Strebens, als die Früchte der großen Errungenſchaften Deſſen bezeichnen, der nicht blos als Held auf dem Schlachtfelde, ſondern auch als tiefer Denker und als eifriger Pfleger von Wiſſenſchaft und Kunſt, ſo lange es Geſchichte giebt, bewundert und verehrt werden wird.